Aus Trauer wächst Kraft

Als die geliebte Oma von Sarah Hölz starb, drohte die 29-Jährige in ihrer Trauer zu ertrinken. Heute weiß sie: Wer trauern kann, hat große Liebe erfahren.

Sarah Hölzl zeigt, dass die Liebe stärker als der Tod ist.

Am 19. Dezember 2018 um 13.45 Uhr klingelt das Handy von Sarah Hölzl. Die Mama ist dran: Oma Lola gehe es nicht gut. Sarah ist gerade in der Apotheke, um gemeinsam mit ihrem Bruder Medikamente für Lola abzuholen. Mit rasender Geschwindigkeit geht’s ins Krankenhaus, „vom Auto bis ins Krankenzimmer bin ich gerannt, als ginge es um mein eigenes Leben“, erinnert sich die Salzburgerin heute. Um das Bett von Lola wimmelt es von Ärzten und Krankenschwestern, sie und ihre Familie müssen am Gang warten. Als der erste Arzt Entwarnung gibt – „Sie müsste über den Berg sein!“ –, zweifelt Sarah daran. Intuitiv weiß sie: Nein, Lola ist nicht über den Berg, die Kraft, der Überlebenswille haben diesmal nicht gereicht. Zu eng ist Sarahs Verbindung zu Lola, zu sehr verbunden sind die Seelen der damals 26-Jährigen und der 77-jährigen ehemaligen Krankenschwester. Um 15 Uhr soll die bedrückende Ahnung Gewissheit werden: Lola ist gestorben. Und Sarah muss nicht nur von ihrer Oma Abschied nehmen, sondern von „meiner guten Freundin, tollen Wegbegleiterin, Vertrauten und einem meiner größten Vorbilder“.


Mutmacherin

Lola ist das philippinische Wort für Großmutter. Eigentlich heißt Lola ja Linda, aber für die gesamte Familie war sie immer die „Lola“. Lola war waschechte Filipina, wie Sarah uns mit einem Strahlen und Glitzern in den Augen erzählt, die sie wahrscheinlich von ihrer Oma geerbt hat: „Lola war alles, was man sich an liebevollen Attributen wünschen kann: Sie war empathisch, eine wahre Mutmacherin und hatte unendlich viel Liebe zu schenken.“ Gemeinsam tauschten die beiden Geheimnisse aus, sprachen über Selbstzweifel und Herzschmerz, sangen bei Disney-Songs lauthals mit und teilten ihre Liebe für köstliches Essen. „Sie unterstützte mich mit vielen tollen Ratschlägen und Lebensweisheiten. Bis zu ihrem Tod.“


Diagnose: Leukämie

Die letzte Reise (Sarah spricht oft von „Reisen“, wenn sie über ihre Oma erzählt) begann für Lola rückblickend am 19. Dezember 2016: Exakt zwei Jahre vor ihrem Sterbetag wurde bei ihr nach Blutarmut im Rahmen einer Blutuntersuchung Leukämie festgestellt. „Wir waren am Boden zerstört.“ Die Ärzte gaben ihr noch sechs Monate, „aber eine Diagnose ist keine Prognose“, betont Sarah. Vielleicht war es auch damals die intensive unsichtbare Verbindung zur Oma, die in der gesamten Familie die Überzeugung aufkommen ließ: Unsere Lola wird wieder gesund, noch ist es nicht so weit! Und tatsächlich: Nach oraler Chemotherapie, Injektionen und der Unterstützung durch alternativmedizinische sowie TCM-Behandlungen wurde Lola wieder gesund. Die Message von Sarah an Patienten und deren Angehörige: „Gebt nie auf, lasst eine ärztliche Diagnose eure Hoffnung niemals im Keim ersticken!“


Seele und Körper trauern

14 Monate war Lola krebsfrei, „14 Monate, für die wir alle sehr, sehr dankbar sind.“ Dann der Schock: Der Krebs war zurück, im Endstadium. Nach drei Monaten erlag Lola ihrer Krankheit. „Wir haben uns alle um ihr Bett versammelt. Obwohl sich ihr Körper kalt anfühlte, war ihre Aura angenehm warm.“ Ihr Herz habe sich angefühlt, als sei es in tausend Stücke zersprungen, beschreibt Sarah ihre Trauer. Bei der Vorbereitung auf unser Gespräch habe sie einige Tränen vergossen, erzählt sie, zur Sicherheit liegt beim Interview eine Packung Taschentücher in Griffweite. Sie wird sie nur einmal brauchen – und wäre es öfter gewesen, wär’s auch nicht nur in Ordnung, sondern sogar seelenheilend gewesen, weiß Sarah heute: „Nach dem Tod von Lola habe ich erst lernen müssen, meine Trauer und meine Gefühle in all ihren Facetten zuzulassen“, erzählt sie tapfer. „Anfangs habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt – und zwar in Form von Schokolade, mit der ich meine Trauer kompensieren wollte.“ Sechs Kilo in sechs Wochen habe sie zugenommen, „ein Hilfeschrei.“ Zur Trauer kam Überforderung: Wie mit der neuen Situation umgehen? Wie wieder ins Leben eintauchen, wenn man seinen Lebensmenschen verloren hat? „Ich war gewohnt, dass es im Leben für alles eine Lösung gibt.“ 

Jeder trauert auf seine Weise und in seinem Tempo. Man darf der Trauer kein Zeitlimit setzen.

Glück neu definiert 

Zwanghaft versuchte Sarah, mittels positiver Einstellung zu einem Ende der Trauer zu finden. Zwecklos. „Man kann selbst mit der positivsten Einstellungskraft Trauer nicht wegdenken.“ Dass es darum gar nicht geht, habe sie mittlerweile gelernt: „Viel wichtiger ist es, Gedanken zu finden, die uns dabei helfen, vor allem in dieser Zeit uns selbst ein guter und fürsorglicher Freund zu sein.“ Auch ihr Körper zeigte, dass er trauerte: Nach Lolas Tod hatte Sarah ständig mit Bronchitis zu kämpfen. Ein wichtiger Schritt zum Heilungsprozess war das Öffnen sich selbst und anderen gegenüber: Sarah begann, mit liebenden Menschen und Menschen, die ebenfalls einen Verlust hinter sich hatten, über ihr Innenleben zu sprechen, hörte viel Musik, verbrachte Zeit in der Natur und ignorierte vor allem ihre Emotionen nicht mehr: „Seit Lolas Tod weiß ich, dass zum Glücklichsein dazugehört, alle Emotionen zuzulassen, die unangenehmen genauso wie Freude, Hoffnung und Liebe – und zwar ohne sich dabei schuldig zu fühlen. Denn nur so können wir ankommen.“ Andernfalls, ist Sarah überzeugt, „sind wir ständig auf der Flucht vor den unterdrückten Gefühlen, die sich beispielsweise durch ungesundes Essverhalten zeigt.“ 


Dasein

So viel hat Sarah seit Lolas Tod über sich, das Leben und den Umgang mit Trauer gelernt, dass sie ein Buch darüber und über ihre gemeinsame Reise mit Lola geschrieben hat „Das letzte Versprechen, das ich ihr gegeben habe.“ Darin schreibt sie beispielsweise davon, dass Unterstützung von schwer kranken Menschen sehr viele Gesichter haben kann: „Natürlich haben wir während Lolas Krankheit sehr viel Organisatorisches übernommen und haben ständig nach Lösungen gesucht, die Krankheit zu besiegen. Wir waren ständig an ihrer Seite, haben sie auch emotional und mental unterstützt. Uns war es wichtig, dass der Tag nicht nur vom Krebs dominiert wird.“ Rückblickend weiß sie: „Das kostbarste und kraftvollste Geschenk, das wir Menschen machen können, ist nicht unser Wissen, unser Rat oder unsere Lösungen, sondern unsere Liebe und Zeit, die wir ganz bewusst mit ihnen verbringen.“ 


Große und kleine Wellen

Ja, sie würde Lola immer noch jeden Tag unendlich vermissen, erzählt Sarah. „Die Trauer kommt in Wellen.“ Anfangs handelte es sich um einen Dauersturm, heute kommen die großen Wellen seltener, aber wenn, dann so richtig: „In solchen Momenten habe ich das Gefühl, als würde mir jemand das Herz aus der Brust reißen.“ Die kleinen Wellen sind regelmäßiger, treffen sie aber mitunter genauso unvorbereitet. „Es geht mir besser, seitdem ich akzeptiert habe, dass es nicht darum geht, den Trauerprozess komplett zu beenden“, zeigt sie sich reflektiert. „Menschen, die wir lieben, werden wir immer vermissen, ein gewisses Maß an Trauer wird daher immer vorhanden sein. Wenn wir uns dessen bewusst sind, reagieren wir nicht mehr erschüttert, frustriert, enttäuscht oder überrascht, wenn sich die Trauer mal wieder stärker zeigt.“ Lange und ausgiebig zu trauern, hat nichts mit persönlichem Versagen zu tun, betont Sarah. „Jeder trauert auf seine Weise und in seinem Tempo. Man darf der Trauer kein Zeitlimit setzen.“


Die Liebe überdauert alles

Lolas Tod hat auch andere Spuren hinterlassen. Gemeinsames Weinen innerhalb der Familie. Oder weiterhin das bewusste Zelebrieren von Weihnachten, dem Fest der Liebe, auch „wenn es ohne Lola nicht mehr dasselbe ist“. Klingelt morgens der Handywecker, ertönt Lolas Lieblingslied. „Das gibt mir Geborgenheit.“ Wenn Sarahs Partner sich verabschiedet oder er nicht erreichbar ist, kommen in ihr häufig Verlustängste auf, genauso wenn die Mama mal krank ist. Mit all diesen Gefühlen setzt sich Sarah bewusst auseinander. Auch weil sie weiß: „Trauer ist ein Privileg. Es ist ein Zeichen, Liebe erfahren zu haben.“


Tipps für Angehörige von Krebspatienten

Der kostenlose Online-Kurs „KrebspatientInnen unterstützen – Was kann ich tun?“ von der Gesundheitsplattform Selpers zeigt anhand konkreter Beispiele, in welchen Lebensbereichen Unterstützung nötig sein kann und worüber sich Krebspatientinnen und -patienten freuen.

https://selpers.com/kurs/krebspatientinnen-unterstuetzen 

 
 

Buchtipp

Sarah Hölzl
Abschiedsgeschenk.
Wie der Tod eines geliebten Menschen mir zum Glück verhalf
Eisele, 2021
128 Seiten, €18,50


Text: Manuel Simbürger | Foto: Sarah Hölzl, NIL STRANZINGER, Eisele Verlag
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