Wenn die Fruchtbarkeit sinkt
Es klingt wie ein Widerspruch: Verhaltensweisen, die oft als „typisch männlich“ gelten, können die Fruchtbarkeit erheblich beeinträchtigen. Eine neue Studie des Kinderwunschzentrum an der Wien zeigt auf, wie unter anderem der Einsatz von Testosteronpräparaten und ein hoher Fleischkonsum die Spermienqualität drastisch verschlechtern können.
Die Untersuchung basiert auf 237 Spermiogrammen, die im Androzentrum durchgeführt wurden. Bei zirka zwei Drittel aller Paare kommt es durch eine reduzierte Samenqualität zu keiner Schwangerschaft. Zwischen Januar und Oktober 2024 wurden die Spermiogramme und Fragebögen analysiert, und liefern wertvolle Erkenntnisse für Männer, die ihre Familienplanung bewusst gestalten möchten.
Testosteroneinnahme: Ein unterschätztes Risiko
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bei 100 Prozent der Männer, die Testosteronpräparate einnahmen zeigte sich eine drastische Verschlechterung der Samenqualität. Die Einnahme dieser Präparate bringt das Hormonsystem aus dem Gleichgewicht, beeinträchtigt die Hodenfunktion und wirkt sich negativ auf die sexuelle Leistungsfähigkeit aus. Eine repräsentative internationale Studie bestätigt diese Effekte und zeigt, dass diese Auswirkungen erst nach etwa einem Jahr wieder nachlassen. „Viele Männer ahnen nicht, dass sie mit künstlichem Testosteron ihre eigene Fruchtbarkeit aufs Spiel setzen. Wer wirklich Vater werden will, sollte sich gut überlegen, ob er für mehr Muskeln seine Chancen aufs eigene Kind riskiert“, sagt Prof. Dr. Heinz Strohmer, Leiter des Androzentrums sowie ärztlicher Leiter und Gründer des Kinderwunschzentrum an der Wien.
Laut Studie haben Vegetarier bessere Spermienqualität
Auch die Ernährung hat einen direkten Einfluss auf die Samenqualität. Eine ungesunde und unausgewogene Ernährung wirkt sich negativ auf die Samenqualität aus (60,9 Prozent auffällig). Ein hoher Fleischkonsum, insbesondere von rotem Fleisch, verschlechtert die Spermienqualität deutlich, während Vegetarier und Veganer in der Studie signifikant bessere Werte erzielten: Nur 33,3 Prozent von ihnen hatten auffällige Befunde. Expertinnen und Experten raten zu einer ausgewogenen Kost mit viel frischem Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Fisch und gesunden Fetten wie Olivenöl. Auch Nüsse und Meditation scheinen positive Effekte zu haben. Das Alter des Mannes rückt ebenso stark in den Fokus, da es Auswirkungen auf die spätere Gesundheit des Kindes haben kann. Untersuchungen zeigen, dass das Ejakulat von 45-jährigen im Vergleich zu unter 35-jährigen Männern weniger beweglich ist.
Welche Unterwäsche bei Kinderwunsch? Studie widerlegt Wärme-Mythos
Die Sorge, dass Saunabesuche, Sitzheizungen oder enge Jeans die männliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen, ist weit verbreitet. Eine aktuelle Studie gibt jedoch Entwarnung: Kurzfristige Wärmeexposition hat keinen signifikanten Einfluss auf die Spermienqualität. Auch enge Kleidung stellt demnach kein nachgewiesenes Risiko dar. „Ob Boxershorts oder enge Jeans – es gibt keine eindeutigen Belege, dass enganliegende Materialien die Spermienqualität verschlechtern. Viel wichtiger ist das Nichtrauchen, ein normales Körpergewicht, ausreichend Sport und körperliche Bewegung sowie der Verzicht von Anabolika oder Hormonpräparate im Fitnessbereich“, erklärt Strohmer.
Extremsport beeinflusst Fruchtbarkeit negativ
Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und chronischer Stress verschlechtern also die Spermienqualität. Regelmäßiger Sport zeigte hingegen positive Effekte – jedoch nur in Maßen: Exzessiver Sport kann die Fruchtbarkeit ebenfalls negativ beeinflussen. Die Studienergebnisse verdeutlichen, wie wichtig ein bewusster Lebensstil für die Erhaltung der Fruchtbarkeit ist. Männer, die Testosteronpräparate einsetzen, ihre Ernährung nicht hinterfragen oder durch Stress und Substanzmissbrauch ihre Gesundheit belasten, gefährden langfristig ihre Familienplanung. „Unsere Ergebnisse sind ein Weckruf“, betont Prof. Dr. Strohmer und meint weiter: „Die vermeintlich gesunde Lebensweise vieler Männer, von Kraftsport mit Supplementen bis zu übermäßiger proteinreicher Ernährung durch Fleisch, kann ihre Familienplanung ernsthaft gefährden.“
Fotos: istock Shidlovski