Nur noch schnell die Welt retten

Krieg, Klimakrise, Corona – viele psychische Belastungen setzen uns derzeit zu und lassen ein Gefühl von Ohnmacht entstehen. Hilflos sind wir aber ganz und gar nicht – denn: Helfen hilft! Anderen und uns selbst. GESUND & LEBEN beleuchtet die psychologischen Hintergründe und stellt Menschen vor, die die Welt bereits täglich ein kleines Stück besser machen.

Die schrecklichen Bilder des Krieges wenige Stunden von der österreichischen Grenze entfernt, die drohende Klimakrise, die sich durch alle Schlagzeilen zieht, steigende Preise und eine Pandemie, die nach zwei schwierigen Jahren die Welt nach wie vor in Atem hält – all das belastet unsere Psyche immer stärker, bestätigt Psychotherapeut Christian Beer, MSC, aus Wien: „Wir merken das auch in der Praxis. Immer mehr Klientinnen und Klienten leiden unter latenten Störungen, die unter normalen Bedingungen nicht auffallen, aber unter steigender Belastung akut werden.“ Besonders schwer laste der nahe Ukraine-Krieg auf unserer Psyche. „Es ist ein psychologisches Phänomen – je näher uns Leid geografisch ist, desto mehr berührt es uns“, so Beer. Dazu komme ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit.  Das sei jedoch völlig normal, betont der Psychotherapeut: „Die Welt ist kein schlechterer Ort als bisher, nur unsere unmittelbare Umgebung ist gefährlicher geworden und die Gemeinschaft, in der wir leben, bedroht. Deshalb ist es völlig natürlich, dass uns diese Geschehnisse aufrütteln.“ Genau das jedoch könne jeder Einzelne dazu nutzen, aktiv zu werden, denn, so Beer: „Wir sind für solche Situationen ausgestattet. Der Mensch wurde in der Evolution mit dem Rüstzeug für schwierige Herausforderungen versehen und deshalb werden wir unter Belastung stärker – das gilt für die Muskeln genauso wie für die Psyche“, so Beer. Ebenfalls ein Erbe der Evolution: ein Gefühl für Gemeinschaft und das Wissen, dass es zusammen besser geht. Das Bedürfnis, mit anderen Menschen verbunden zu sein und sie in schwierigen Phasen zu unterstützen, ist tief in unserem Wesen verankert, einander zu helfen Teil unserer DNA.

Christian Beer, MSc. Psychotherapie, Coaching, Supervision, Aufstellungen. Wiener Couch – Zentrum für Psychotherapie und Persönlichkeitsentwicklung, Wien

 

„Wir haben Tausende von Jahren in Kleingemeinschaften gelebt und dabei gelernt, dass es zusammen besser funktioniert.“

 

Wenn die Berufung zum Beruf wird

Kathrin Limpel startete ihr soziales Engagement während der Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Heute ist sie Geschäftsführerin des Vereins „Fremde werden Freunde“. Das Ziel? Gelebte Integration.

Gemeinsam mit anderen Engagierten gründete Kathrin Limpel den Verein „Fremde werden Freunde“ – ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, sich austauschen können und Hilfe finden. „Wir haben uns mit den Bedürfnissen der Personen, die zu uns kommen, weiterentwickelt“, erläutert die Wienerin. „Am Anfang ging es vor allem darum, Deutsch zu lernen und im Land anzukommen. Mittlerweile bieten wir auch Bewerbungstrainings, Job-Coaching oder psychologische Betreuung an“, so Limpel. Möglich machen das neben Spenden auch geförderte Forschungsprojekte der EU oder des Sozialministeriums. „Unser Herzstück ist aber nach wie vor der Freunde-Salon“, strahlt Limpel. In diesem Vereinslokal im 9. Bezirk wird etwa montags Schach gespielt, der Mittwoch steht unter dem Motto „Frauen plaudern“, freitags schließlich wird im „Sprachcafé“ das im Kurs gelernte Deutsch in der Praxis erprobt: „Wir lernen voneinander und neue Ideen kommen von allen Seiten.“ Jüngstes Beispiel ist eine Laufgruppe, ins Leben gerufen von Abd, einem gebürtigen Syrer. Neben dem guten Gefühl, zu helfen, habe sie auch viel über andere Kulturen gelernt, eigene Vorurteile abgebaut und ihren Freundschaftskreis um viele Nationen erweitert, freut sich Limpel. „Und wenn man sieht, wie viele persönliche Einzelschicksale sich zum Positiven gewendet haben, ist das der schönste Lohn!“

SO KÖNNEN SIE HELFEN

Besuche im Freunde-Salon, wo Kulturen aufeinandertreffen und Integration gelebt wird (aktuelles Programm unter www.facebook.com/fremdewerdenfreunde.at/ und www.instagram.com/fremdewerdenfreunde). Ehrenamtliche Mitarbeit und Corporate Volunteering; finanzielle Unterstützung.
Alle Informationen unter www.fremdewerdenfreunde.at


Kleine Flecken, großes Glück

Mit Wolle Wärme und Geborgenheit spenden – das haben sich Herta Zuber und Monika Nemetz mit ihrem Projekt Wollweiber zum Ziel gesetzt.

 
 

Helfen macht glücklich – egal, ob es sich um große oder kleine Gesten handelt. Bei den Wollweibern lässt sich die gute Tat sogar auf Zentimeter genau messen. 14 x 14 cm groß sind die gehäkelten oder gestrickten Fleckerl, die sie später in einer Patchworkdecke wiederfinden und jenen Wärme spenden, die es brauchen. „Die Idee wurde während der Corona-Pandemie geboren“, erinnert sich Herta Zuber, die gemeinsam mit ihrer Freundin Monika Nemetz die „Wollweiber“ gründete. „Mit Wolle zu arbeiten, ist unser Hobby und wir haben uns überlegt, dass wir auch andere motivieren könnten, während der Pandemie die Zeit zu nützen und mitzuhäkeln bzw. -zustricken.“ Was zunächst als Projekt im Freundes- und Bekanntenkreis startete, zählt nun über 1.000 Unterstützerinnen – und Unterstützer, denn auch ein erster Mann sorgt bereits für Fleckerl-Nachschub. Dank zahlreicher fleißiger Hände sei es schließlich möglich gewesen, über 55.000 Wollflecken aus ganz Österreich zu verschenken. „Wir haben die Wolldecken an Organisationen für Menschen mit Behinderung, Pflegeheime oder andere soziale Einrichtungen übergeben“, freut sich Zuber. „Aber auch Einzelpersonen, die eine schwere Zeit durchleben, haben sich über unsere Decken gefreut.“ Nemetz betont, dass jede und jeder mithelfen kann: „Wir finden, dass einem gerade in dieser krisengeschüttelten Zeit nicht der Mut verlassen darf. Jeder in unserer Gesellschaft kann unsere Welt ein Stück bunter und freundlicher machen!“

SO KÖNNEN SIE HELFEN

Jede und jeder kann selbst zur Häkel- oder Stricknadel greifen, beim Zusammennähen helfen, Wolle spenden oder auch finanziell unterstützen.
Alle Informationen finden Sie online unter www.diewollweiber.at.


Text: Claudia Sebunk | Fotos: istock_SychuginaElena, KiTo photography; Privat beigestellt
Mehr zum Thema „Nur noch schnell die Welt retten” erfahren Sie in GESUND & LEBEN 06/22.

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